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JA ZU NEIN SAGEN!

Ein Künstler überlässt sein Vermögen einer Stiftung, die sich dafür einsetzen will, damit die konsumfeindliche Einstellung seiner Werke ans Tageslicht zu bringen und weiter zu fördern.[1]

Von DOUGLAS CENTURY

Publiziert in: ART news, New York, April 2010

Im Januar 2008 lag der Künstler Boris Lurie in einem New Yorker Krankenhaus im Sterben. Am Fußende seines Bettes hing ein großes Poster von Stalin. Nur wenige außerhalb Luries engerem Bekanntenkreis haben vermutet, dass der in Russland geborene Holocaust-Überlebende - einer der Gründer der NO!art-Bewegung - ein Doppelleben geführt hat. Während er nach außen hin als mittelloser Künstler lebte und sich für eine linke Politik einsetzte, verbrachte Lurie seine Freizeit damit, Penny-Aktien[2] und Immobilien zu kaufen und damit ein beträchtliches Vermögen anzusammeln. Als er am 7. Januar 2008 im Alter von 83 Jahren starb, hinterließ Lurie schätzungsweise 80 Millionen Dollar. Er hatte keine Erben, und sein handschriftliches Testament besagte, dass sein gesamter Nachlass der Gründung der Boris Lurie Art Foundation dienen sollte.

"Boris war schon immer konsumfeindlich eingestellt", sagt seine Kunsthändlerin Gertrude Stein[3], Luries langjährige Freundin und Vorsitzende der Stiftung. "Die Mission der Stiftung ist es, dafür zu sorgen, dass der Geist von NO!art lebendig bleibt, um einer neuen Generation zu zeigen, dass nicht nur kommerzielle Kunst erfolgreich ist."

In Leningrad in einer jüdischen Familie geboren, zog Lurie als Kind nach Lettland, wo er im Alter von 16 Jahren von den Nazis deportiert wurde. Er und sein Vater überlebten eine Reihe von Konzentrationslagern, bevor sie aus dem Lager Buchenwald befreit wurden. Luries Mutter und Schwester wurden in Auschwitz ermordet. Nach der Befreiung verbrachte Lurie ein Jahr in Deutschland und arbeitete angeblich für das U.S. Army Counterintelligence Corps[4]. 1946 zog er dann nach New York und begann seine künstlerische Karriere.

1960 war Lurie Mitbegründer der NO!art-Bewegung, die sich gegen den Abstrakten Expressionismus und die Pop Art auflehnte und grimmige und schockierende Werke produzierte. In der Railroad Collage (1959) überlagerte Lurie das Foto eines halbnackten Pin-up-Mädchens mit einem Leichenhaufen, der auf einem Eisenbahnwagen gestapelt war. "Boris war ein wahrer Revolutionär", sagt Janos Gat, ein Freund und New Yorker Galerist, der 2004 Luries Ausstellung Feel-paintings veranstaltete.

Luries Kunst wurde von den Kuratoren weithin abgelehnt [5] und nur sporadisch verkauft. "Der Kunstmarkt ist nichts anderes als ein Rummel", sagte er einmal. Während er weiterhin hauptberuflich malte, wandte Lurie sich einem weiteren "Rummel" zu - nämlich der Wall Street. Er betrachtete Aktien "wie mathematische Rätsel", sagt Gertrude Stein.

Anthony Williams, der Anwalt der Boris Lurie Art Foundation, sagt, dass er erwartet, dass der gesamte Nachlass in den kommenden Monaten an die Stiftung ausgezahlt wird. Der Marktwert des Vermögens ist deutlich gesunken, aber Williams schätzt ihn trotzdem im "hohen zweistelligen Millionenbereich".

Die Stiftung hat sich vorgenommen, die mehr als 600 Lurie-Werke zu restaurieren und viele seiner Schriften zu veröffentlichen. Das Leitbild der Stiftung beinhaltet auch ein Förderprogramm von bis zu 25.000 US-Dollar an "nicht anerkannte, innovative Künstler in allen Medien.... deren Werk den Geist der NO!art-Bewegung, die durch Leben und Werk des Gründers Boris Lurie repräsentiert wird, weitgehend entspricht". Die Stipendiaten werden vom Stipendienausschuss der Stiftung ausgewählt, wobei bei Bedarf externe Experten hinzugezogen werden.

Was ist, wenn man Stalin von seinem Sterbebett aus anstarrt? Williams, der Lurie gegen Ende des Lebens des Künstlers kennengelernt hatte, sagt: "Boris hatte eine lebenslange Vorliebe für die Sowjetunion", wegen der entscheidenden Rolle der Roten Armee bei der Besiegung der Nazis.

■ Douglas Centurys jüngste Buchveröffentlichung ist: Barney Ross, das Leben eines jüdischen Kämpfers (Schocken, 2006)

© by ART news, New York, 2010

Anmerkungen des Übersetzers Dietmar Kirves, einem langjährigen Freund und Mitarbeiter von Boris Lurie:
[1] Zwei Jahre hat es gedauert bis nach Boris' Tod Gertrude Stein über sein Vermögen verfügen konnte. Hier wird es in einem Artikel der Art News zum ersten mal erwähnt.
[2] Zumeist bevorzugte er Aktien die Frauennamen ähnelten. Nachts, nach Erscheinen der New York Times um 1 Uhr, las er in seiner Badewanne die Aktienkurse. 1998 hatte er etwa 12 Millionen Dollar angehäuft. Er versprach mir aufzuhören, wenn er soviel zusammen besitzt wie sein Freund Martin Levit, nämlich 15 Millionen Dollar. Etwa 2001 hatte sich im Zuge der Internet-Blase einer seiner Penny-Aktien auf 174 Dollar das Stück hochgeschaukelt. In dieser Euphorie wollten wir ein Schloss in Thüringen kaufen, wozu Naomi Salmon schon ein Objekt gefunden hatte. Leider sich das sich nicht mehr realisieren, da sich Boris' Gesundheitszustand immer weiter verschlechterte.
[3] Gertrude Stein hat nie mit seinen Werken gehandelt oder ihn weiterhin nach 1965 in der Öffentlichkeit gefördert. Boris war der Ansicht, dass alles was verkauft wird, verloren ist. Das einzige Bild, das er verkauft hatte, war Rigas Ghetto (1946), das er 2004 wieder zurückgehauft hat.
[4] Entlassen wurde er vom CIC, weil er sich als Agent hat erkennen lassen. Siehe seine persönliche Beschreibung. Daraufhin holte ihn sein Vater nach New York.
[5] Boris wurde nicht von den Kuratoren abgelehnt. Wir arrangierten für und mit ihm zusammen mehr als zwanzig Ausstellungen bis 2009. Danach übernahm Gertrude Stein das Regiment und lehnte unser aller weitere Mitarbeit ab.

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